Entwicklungspolitik
Ökologische Grenzen des Wachstums



Ökologische Grenzen des Wachstums


Bedrohte Umwelt – Globale Gefährdungen


Das Syndromkonzept


Alternative Energien – ein Ausweg aus der Klimakrise?


Ansätze zur Überwindung der Klimakrise


Maßnahmen zur Entwicklung im Bereich Umwelt

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Welt im Wandel Internet

Teil B Entwicklungsdimensionen
Umwelt und Entwicklung
S. 134 bis 136

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Smog in Beijing (Peking), China (picture alliance/dpa)


Ökologische Grenzen des Wachstums

Die natürliche Umwelt ist in doppeltem Sinne von entscheidender Bedeutung für Entwicklung. Einerseits stellt sie die für die menschliche Existenz erforderlichen, aber limitierten Ressourcen in Form von Rohstoffen, Energieträgern, Nahrungsgütern etc. und in Form von öffentlichen Gütern wie Luft, Wasser und Boden zur Verfügung. Andererseits dient die Natur als Deponieraum für verbrauchte Ressourcen (z.B. feste und flüssige Abfälle, Emissionen etc.).

Das natürliche System der Erde wird durch den wirtschaftenden Menschen belastet, aber dieser Belastbarkeit sind Grenzen gesetzt. Die entscheidende Frage ist: Wann und wie werden diese Grenzen erreicht bzw. überschritten und damit das „Lebensnetz“ unserer Erde irreversibel geschädigt? Auch ökonomisches Wachstum muss diese Grenzen respektieren, denn ihre Missachtung könnte die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzen.

Jede Überlastung der natürlichen Sys­teme schränkt sie in ihrer Fähigkeit zur Regeneration stark ein und vermindert die Ressourcenverfügbarkeit. Die Ökosys­teme erfahren dadurch sowohl quantitative als auch qualitative Beeinträchtigungen (s.unten). Ein zentrales Problem ist, dass negative Auswirkungen umweltschädigenden Verhaltens und Handelns oftmals nicht unmittelbar in Erscheinung treten und dementsprechend nicht direkt zu beobachten sind. Sie werden in der Regel erst mit einer zeitlichen Verzögerung wahrgenommen.

Bei Überbelastung wird das „Lebensnetz“ dünner und weniger wirksam, das Fließgleichgewicht der natürlichen Umwelt wird empfindlich gestört. Die Anzeichen dafür sind unübersehbar: Klimawandel, Wasserknappheit, Erosion der Agrarflächen, sinkende Fischreserven in den Meeren etc. Ohne Änderung des Umweltverhaltens des Menschen, ohne technologische Entwicklungen zur Reduzierung der Umweltbelastungen auf ein erträgliches Maß, ohne grundlegende Korrekturen im Verhältnis Ökonomie-Ökologie ist die Zukunft der Menschheit gefährdet. Weiteres ökologisch unbekümmertes Wirtschafts- und Wohlstandswachstum im Norden und in den jungen Industrie- und Schwellenländern bei notwendigerweise wachsendem Ressourcenverbrauch im Süden würde in eine ökologische Einbahnstraße münden und damit in eine Entwicklungsfalle führen. Entwicklung bedeutet heute mehr denn je: Schaffung menschenwürdiger Lebensgrundlagen für alle und Sicherung der Lebensgrundlagen für künftige Generationen. Wirtschaftliche Entwicklung muss sozial und ökologisch verantwortbar sein.

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Brandrodung in Brasilien (Bild: BMZ)

Wirtschaft und Umwelt

Eingriffe des Menschen in die Natur hat es auch schon vor dem Industriezeitalter gegeben (z.B. Torfgewinnung, Abholzung), jedoch blieben die Folgen dieser menschlichen Eingriffe in der Natur lokal oder regional begrenzt. Im Industriezeitalter hat die Umweltbelastung aber eine fundamental neue Qualität bekommen, weil sie eine grenzüberschreitende globale Dimension erreicht hat. Doch lange Zeit wurde die natürliche Umwelt von den meisten Ökonomen als Ressource betrachtet, die vom Menschen für seine Zwecke beliebig ausschöpfbar sei. Dies war in der Marktwirtschaft nicht anders als in der zentral gelenkten sozialistischen Planwirtschaft.

Auswirkungen der Wirtschaft auf die Natur unseres Planeten wurden so lange nicht hinterfragt, wie das ökologische Fließgleichgewicht (Kasten rechts, U1) intakt zu sein schien. Bis in die 1970er Jahre hinein wurden auftretende Umweltprobleme in der Regel nicht als Gefahr für die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit eingestuft, weil sie – obwohl regional unterschiedlich häufig und intensiv verteilt – scheinbar lokal begrenzt* waren. Erst als die Folgen grenzüberschreitender und weltumspannender Umweltprobleme (wie Unfälle in Atomkraft- und Chemiewerken, Tankerunglücke, Ozon­loch, Trinkwasserverknappung, Gefährdung der Böden, Zerstörung der Atmosphäre, Belastung der Meere und der Pole, Verlust an Biodiversität) zunehmend spürbar wurden, ist der Politik und der Öffentlichkeit deutlich geworden, dass ökologische Bedrohungen nicht an nationalen Grenzen halt machen, sondern globale Dimensionen erreicht haben (U2). Beschleunigt werden diese Wirkungen insbesondere durch die anhaltende Ausbreitung nicht nachhaltiger Lebensstile, zunehmende Armut sowie Bevölkerungswachstum und Verstädterung.

Eine Folge weltweiter Umweltveränderungen ist die wachsende Verwundbarkeit vor allem der Entwicklungsländer durch Naturkatastrophen, Nahrungskrisen und Erkrankungsrisiken. Dies zeigt nicht nur, wie eng Umwelt und Entwicklung miteinander verbunden sind, sondern auch, dass Umweltzerstörung zu einer Sicherheitsfrage geworden ist. Neben der Bekämpfung von Hunger und Armut gehört die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im 21. Jahrhundert zu den größten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Die UN-Konferenz über die menschliche Umwelt 1972 in Stockholm hat die Umweltpolitik erstmals als globales politisches Aufgabenfeld etabliert. Der Brundtlandbe­richt (1987) und die von ihm angestoße­ne Rio-Konferenz 1992 haben dann in ex­­pliziter Form den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Umwelt und Entwicklung im weltweiten Maßstab dargelegt und das Leitziel zukünftiger internationaler Umwelt- und Entwicklungspolitik „sustainable development“ (nachhaltige Entwicklung) formuliert (S. 23 ff.). In Rio de Janeiro hatten sich 1992 die Regierungschefs von insgesamt 178 Mitgliedsstaaten der UNO zum ersten Erdgipfel für Umwelt und Entwicklung getroffen. Seitdem werden Gesellschaft, Ökologie und Ökonomie gleich­rangig und gleichzeitig als Gesamtzusammenhang betrachtet. „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Brundtlandbericht 1987, S. 46).

Auf den nachfolgenden UN-Weltkonfe­renzen und Sonderversammlungen (u. a Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung, Johannesburg 2002) hat die Staatengemeinschaft nach langen und zähen Verhandlungen schließlich eine Präzisierung des Leitbildes erreicht. Entwicklung muss sich demnach an drei Zielen ausrichten, die als Einheit zu sehen sind: ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

In der internationalen Diskussion wird seit längerem eine vierte Handlungsdimension für wichtig erachtet: politische Stabilität. Danach sind vor allem die Prinzipien einer guten Regierungsführung (good governance) und der demokratischen Teilhabe unabdingbare Voraussetzungen nachhaltiger Entwicklung (S. 62 f., P2).

Die Konsequenz, die sich hieraus ergibt: Schluss mit einer Wirtschaftsweise, die ausschließlich auf ökonomisches Wachstum ausgerichtet ist. Wirtschaftswachstum ohne soziale Gerechtigkeit und Umweltverträglichkeit ist nicht nachhaltig und birgt zudem Ansätze für Konflikte in sich. Die Zukunft lässt sich nur sichern, wenn menschliches Wirtschaften die Gebote der ökologischen Rücksichtnahme und der sozialen Verpflichtung berücksichtigt und unter stabilen politischen Bedingungen erfolgen kann. Neben ökologisch und sozial unverantwortlicher Wirtschaftstätigkeit sind politische Instabilität und bewaffnete Konflikte Haupthindernisse eines umwelt- und sozialverträglichen Wirtschaftswachstums.

Mit der Agenda 21 und den globalen Umweltkonventionen zu Klima, biologi­scher Vielfalt und Bekämpfung der Desertifikation wurden bereits entscheidende Prozesse zur Bewältigung globaler Umwelt- und Entwicklungsprobleme auf den Weg gebracht, die schließlich auf dem UN-­Mil­len­niumsgipfel 2000 weiter konkretisiert und in acht Millenniums-Entwick­lungs­ziele (Millennium Development Goals, MDGs) gebündelt wurden (S. 88). Im Gegensatz zu Formulierungen früherer Entwicklungsdekaden sind die MDGs sehr viel umfassender, präziser und mehrheitlich mit eindeutigem Zeithorizont (bis 2015) versehen. Die „Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit“ als eine zentrale politische Aufgabe wird in Ziel 7 herausgestellt.

Die vielfältigen Anstrengungen um eine Umsetzung nachhaltiger, d.h. zukunft­sichernder Entwicklung stoßen allerdings auch auf Widerstände und Schwierigkeiten. Trotzdem hat in relativ kurzer Zeit bereits ein Umdenkprozess eingesetzt. Wachsende, zunehmend global organisierte zivilgesellschaftliche Aktivitäten und Initiativen lassen hoffen, dass immer mehr Menschen dem Bewusstseinswandel entsprechende Veränderungen des Verhaltens und Handelns folgen lassen. Eine nachhaltige Umweltpolitik kann nur wirklich gelingen, wenn sich die Menschheit insgesamt daran beteiligt.

Nicht alle Regionen der Erde sind in gleichem Maße von Umweltgefährdungen und -risiken betroffen. In den reichen Industrieländern hat sich die Situation z.T. verbessert, während die Belastung in den Schwellenländern und Entwicklungsländern stark gestiegen ist. In den Industrie­ländern wie in den NIC (Newly Industrializing Countries) und Schwellenländern können ökologische Fehlentwicklungen – trotz beachtlicher Fortschritte in der Umwelttechnologie – ebenso zur Bedrohung werden wie die ökonomische Unterentwicklung der Länder im Süden und Osten. Der technologische Fortschritt und materielle Wohlstand des Nordens sowie der NIC und einzelner Schwellenländer ging und geht bisher in erheblichem Umfang zu Lasten

• der natürlichen Umwelt,

• der wirtschaftlich schwächeren Regio­nen und sozialen Gruppen,

• zukünftiger Generationen.

Seit realisiert wurde, dass die Eingriffe des Menschen in die natürliche Umwelt globale Dimensionen erreicht haben, hat sich das Verhältnis zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern grundlegend gewandelt: Jetzt sind auch die Industrieländer selbst zu veränderter Entwicklung und zu sozial und ökologisch verantwortlichem wirtschaftlichen Handeln herausgefordert. Konkret: Die reichen Länder müssen ihren Wohlstand mit viel geringerem Verbrauch an Rohstoffen sichern, er muss schlanker, ressourcenleichter werden. Und die Länder, die heute noch nicht am Wohlstandstisch sitzen, dürfen nicht die Entwicklung des Nordens imitieren. Sie müssen einen Weg suchen, der bei weitem nicht zu einer ähnlich hohen Belastung der Biosphäre führt. Dies sollte besonders für die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde China und Indien gelten. In den Industrieländern hat die Entkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum z.T. schon Fortschritte gemacht. Dieser Trend muss sich auch beim Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern fortsetzen. Voraussetzungen dafür sind Förderung der Bildung (S. 123 ff.) und Gesundheit (S. 104 ff.) sowie Bekämpfung der Armut (S. 84 ff.)

Nachhaltige Entwicklungspolitik muss die ökologischen Grenzen berücksichtigen. Umweltpolitik wiederum muss ökonomische und soziale Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern und Regionen beachten. Eine globale Umweltkrise wäre zugleich eine Entwicklungskrise, die die gesamte Menschheit bedroht.

Wenn es nicht gelingt, die wachsenden wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse den Geboten der ökologischen Nachhaltigkeit und der sozialen Gerechtigkeit zu unterwerfen, ist die Erde bzw. die Menschheit als Ganzes gefährdet.

Karl-Heinz Otto

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In vielen Ländern werden Abwässer ungeklärt in Flüsse eingeleitet. Bild: Der Gelbe Fluss (Hwangho) in China wird rot. Bei Lanzhou (im Hintergrund sichtbar) mündet ein Abwasserkanal in den Fluss. Aufnahme vom 22. 10. 2006. Der Fall wird von den Behörden untersucht (Bild picture-alliance dpa).


Fließgleichgewicht

Ein natürliches offenes System aus einer Lebensgemeinschaft und ihrem Lebensraum (Öko­system) ist gekennzeichnet durch Wechselwirkungen zwischen den Organen und Umweltfakttoren (U1).
Offene Systeme erreichen trotz ständigem und wechselndem Austausch von Stoffen und Energie mit ihrer Umgebung einen nahezu stationären Zustand, das Fließgleichgewicht (steady state). In einem Ökosystem stellt sich das Fließgleichgewicht ein, wenn seine Stoffkreisläufe ausgeglichen sind. Störungen von außen (z.?B. erhöhte Energiezufuhr) können das Fließgleichgewicht eines Ökosystems empfindlich stören
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* Heute ist bekannt, dass „scheinbar“ räumlich begrenzte Umweltprobleme durchaus in Wechselwirkungen mit globalen Gefährdungen treten und so die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen bedrohen können.
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